Rückblick der anderen Art

In meiner Rückblick-Tour schaue ich ab heute, 09. April 2018 passend zu meinem 2. Unternehmen „Selbst-getestet“  mal mit veränderter Blickrichtung als selbst am 26.09.2014 Verunfallte auf den Auftakt meiner Veranstaltungsreihe 2014 „Schöner wohnen“. Damals lud ich als Inhaberin der Greenoffice Agentur in Kooperation mit der Initiative Querstadtein zu einer der ersten ganz besonderen Stadtführungen ein. Ehemals Obdachlose begannen Interessierten die Straßen von Berlin aus der Sicht eines Menschen ohne festen Wohnsitz zu zeigen. Mich hat schon damals diese Initiative begeistert – von beiden, Anbietern und Obdachlosen. Danke, dass ihr dabei geblieben seit!

Obdachlose sind (CO2-) Sparmeister*

Ich will mal versuchen Uwe’s Lebenslauf aus der Erinnerung zusammenhängend zu nennen.Uwe hat ihn etappenweise bei den Zwischenstopps und auf direkte Fragen genannt. „Ihr könnt mich (fast) alles fragen!“ das war wohl der meistgehörteste Satz dieser Tour durch Berlin-Mitte. Uwe ist ein klassischer Ostberliner geboren (wohl) 1959 im Ostteil der Stadt. Doch schon als 5 jähriger blicke er sehnsüchtig über die Spree in den Westen wo sein Opa wohnte. Sein offen geäußerter Wunsch „rüber zu wollen“ traf damals schon nicht auf offene Ohren. Dieser Wunsch nach Freiheit ohne Grenzen ist geblieben. Heute lebt Uwe schon 14 Jahre in einer festen Wohnung. Er hat einen vollen Arbeitstag. Er ist Hausmeister bei der Stadtmission Frankfurter Allee. Hat seine erste Tour bei Querstadtein und plant schon die nächste. Kontakt zu Obdachlosen hat er, der 7 Jahren auf fast allen Straßen Berlins lebte, nicht mehr. „Seinen Bezirk“ rund um den Lehrter Bahnhof bis zum Neptunbrunnen am Alex hat er uns am 18.01.2014 gezeigt.

Möbel der Straße

Für mich als Einrichterin wurden durch Uwe Tobias eine 9er Parkbank und eine steinerne Riesenwanne vor der Pinakothek zu den Tag-und Nachtmöbeln der Straße. Das Netz als FCKW-freier Kühlschrank nicht zu vergessen. Von der CO2-Bilanz dürfte Uwe weit unter den aktuellen statistischen 11 Tonnen/Jahr für jeden Arbeitnehmer und Verbraucher liegen:
zwar eigene Wohnung, aber kein festes Büro, keine eigenen Büromöbel, kein großer Besitz. Alles muss mobil sein und
immer in Kreislauf- und Mehrfachnutzug, da sonst der Not-Bunker nicht reichte. Uwe ist näher am Ziel-CO2-Verbrauch pro Kopf von max. 2 Tonnen laut Klima sucht Schutz und Greenpeace (max 3,5) als wir Durchschnittsbürger. Uwe dürfte vermutlich den Wert wie für Bangladesch erhoben haben: ca. 240kg/Jahr.

O-Töne von Teilnehmern

Als Veranstalterin der Erlebnisreihe und Nachhaltigkeitscoach habe ich einige der 15 Teilnehmer der Tour nach ihrem Impuls zur Teilnahme befragt:
  • Eine Mutter mit Tochter aus Berlin: „Ich bin in der 10 Klasse und möchte dieses Thema als Referatsthema nehmen. Bis März soll es fertig sein. Bisher habe ich noch nicht so viel gemacht.“ Auf meine Nachfrage aus welcher Sichtweise von außen oder aus der Perspektive der Obdachlosen sagt sie, hätte sie noch nicht entschieden. – Sie schien jedoch nachdenklicher am Ende der Tour über ihre Sichtweise für das Referat.
  • Ein Vater mit seinem Sohn aus Reinickendorf:„Mein Vater wollte das machen und hat mich gefragt ob ich mitgehe. Mein Mutter wollte auch das ich mitgehe.“ Auf meine Frage, ob er davon seinen Freunden erzählen würde, sagte er „Ja klar, ist doch spannend.“ Als ich anmerkte Kino wäre auch spannend und nicht so kalt – da sagte sein Vater vielleicht hätte er sich auch dafür entschieden, hätte es zur Auswahl gestanden. Auch meinte der Vater Obdachlosigkeit sei in Reinickendorf kein Thema

Obdachlosigkeit – Gesprächsthema

  • Ein junges Studentenpärchen aus Flensburg und Lehrte: „Ich habe es ihm zum Geburtstag geschenkt als klar war, dass wir nach Berlin fahren. Wir wollten einen anderen Blick auf Berlin.“ Und gefragt ob sie zu Hause darüber sprechen sagen beide: „Klar, dass ist ja auch bei uns ein sichtbares Thema für die Achtsamen, die, die es wahrnehmen.“
  • Eine Diplomandin aus Sachsen macht ihre Abschlussarbeit über das Thema. Auf Nachfrage erzählt sie es dann doch, sie macht eine fotojournalistische Dokumentation über die Reaktion der Passanten auf Obdachlose. Sie ist noch in derAuswahl und Annäherungsphase an das Thema, warum Obdachlose so wenig Akzeptanz und Status in der Öffentlichkeit haben. Bei ihren Recherchen habe siegelernt, dass früher im 16Jh Menschen ohne Haus und Hof beneidet weil frei waren. Geändert hat sich dieses Bild erst der in Industrialisierung der Weimarer Republik wo Menschen ohne Arbeit als wertlos galten. Ganz besonders in großen Städten indenen sie sogar als verdarb angesehen wurden.

Mobiles Wohnen – immer alles dabei!

Schaue ich auf die heutigen 2 Stunden mit Uwe zurück freue ich mich sehr, dass mich das Thema der Erlebnisreihe 2014 gefunden hat. Schöner Wohnen wo keiner gerne hinschauen möchte hat soviele Fassetten und Blickrichtungen. Ich merke deutlich, jeder findet seinen Weg. Und da gibt es kein Scheitern. Auch keine Sackgassen. Manchmal sind es Umwege, die
wie bei Uwe vielleicht zu seiner Traumerfüllung geführt haben. Uwe lebt heute frei wie er es schon als 5jähriger wollte. Er hat jetzt wieder eine Wohnung. Seine alten vertrauten Plätze hat er als mobiles Wohnen durch seine Touren immer noch dabei und schenkt sie allen, die „seine Kunst auf der Straße zu leben“ erleben möchten. Danke dafür Uwe!
Bitte bleibt nachhaltig gesund und lebt mit Lust!
Eure
*Fußnote: Mehr Bilder zu der Erlebnistour findet ihr hier

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