Gilt heute wie vor 4 Jahren: Im Januar 2014 habe ich mit der Erlebnisreihe zum Thema „Schöner wohnen“ in Kooperation mit Querstadtein zu einer ganz besonderen Stadtführung eingeladen. Ehemals Obdachlose zeigen Interessierten die Straßen von Berlin aus der Sicht eines Menschen ohne festen Wohnsitz.

Leben und Wohnen auf der Straße

Ich will mal versuchen von unserem Stadtführer Uwe den Lebenslauf aus meiner Erinnerung zusammenhängend wiederzugeben. Uwe hat ihn etappenweise bei den Zwischenstopps und auf direkte Fragen genannt. „Ihr könnt mich (fast) alles fragen!“ das war wohl der meistgehörteste Satz dieser Tour durch Berlin-Mitte. Uwe ist ein klassischer Ostberliner geboren (wohl) 1959 im Ostteil der Stadt. Dochschon als 5 jähriger blicke er sehnsüchtig über die Spree in den Westen wo sein Opa wohnte. Sein offen geäußerter Wunsch „rüber zu wollen“ traf damals schon nicht auf offene Ohren. Dieser Wunsch nach Freiheit ohne Grenzen ist geblieben. Heute lebt Uwe schon 14 Jahre in einer festen Wohnung. Er hat einen vollen Arbeitstag. Er ist Hausmeister bei der Stadtmission Frankfurter Allee. Hat seine erste Tour bei Querstadteinund plant schon die nächste. Kontakt zu Obdachlosen hat er, der 7 Jahren auf fast allen Straßen Berlins lebte, nicht mehr. „Seinen Bezirk“ rund um den Lehrter Bahnhof bis zum Neptunbrunnen am Alex hat er uns am 18.01.2014 gezeigt.

Tag-und Nachtmöbel der Straße

Für mich als Einrichterin im Januar 2014 wurde durch Uwe Tobias eine 9er Parkbank und eine steinerne Riesenwanne vor der Pinakothek zu den Tag-und Nachtmöbeln der Straße. Das Netz als FCKW-freier Kühlschrank nicht zu vergessen. Von der CO2-Bilanz dürfte Uwe weit unter den aktuellen statistischen 11 Tonnen/Jahr für jeden Arbeitnehmer und Verbraucher liegen: keine eigenen Büromöbel, kein festes Büro, kein großer Besitz. Alles muss mobil sein und immer in Kreislauf-und Mehrfachnutzug, da sonst der Not-Bunker nicht reichte. Uwe ist näher am Ziel-CO2-Verbrauch von 2 Tonnen als wir Durchschnittsbürger. Er dürfte vermutlich den Wert wie für Bangladesch erhoben haben: ca. 240kg/Jahr.

O-Töne von Teilnehmern zum Auftakt 2014

Als Veranstalterin der Erlebnisreihe habe ich einige der 15 Teilnehmer der Tour nach ihrem Impuls zur Teilnahme befragt:

  • Ein junges Studentenpärchen aus Flensburg und Lehrte:„Ich habe es ihm zum Geburtstag geschenkt als klar war, dass wir nach Berlin fahren. Wir wollten einen anderen Blick auf Berlin.“ Und gefragt ob sie zu Hause darüber sprechen sagen beide: „Klar, dass ist ja auch bei uns ein sichtbares Thema für die Achtsamen, die, die es wahrnehmen.“
  • Eine Mutter mit Tochter aus Berlin:„Ich bin in der 10 Klasse und möchte dieses Thema als Referatsthema nehmen. Bis März soll es fertig sein. Bisher habe ich noch nicht so viel gemacht.“ Auf meine Nachfrage aus welcher Sichtweise von außen oder aus der Perspektive der Obdachlosen sagt sie, hätte sie noch nicht entschieden. –Sie schien jedoch nachdenklicher am Ende der Tour über ihre Sichtweise für das Referat.
  • Ein Vater mit seinem Sohn aus Reinickendorf:„Mein Vater wollte das machen und hat mich gefragt ob ich mitgehe. Mein Mutter wollte auch das ich mitgehe.“ Auf meine Frage, ob er davon seinen Freunden erzählen würde, sagte er „Ja klar, ist doch spannend.“Als ich anmerkte Kino wäre auch spannend und nicht so kalt –da sagte sein Vater vielleicht hätte er sich auch dafür entschieden, hätte es zur Auswahl gestanden. Auch meinte der Vater Obdachlosigkeit sei in Reinickendorf kein Thema
  • Eine Diplomandin aus Sachsen macht ihre Abschlussarbeit über das Thema: Sie macht eine fotojournalistische Dokumentation über die Reaktion der Passanten auf Obdachlose. Sie ist noch in der Auswahl und Annäherungsphase an das Thema, warum Obdachlose so wenig Akzeptanz und Status in der Öffentlichkeit haben. Bei ihren Recherchen habe sie gelernt, dass früher im 16Jh Menschen ohne Haus und Hof beneidet weil frei waren. Geändert hat sich dieses Bild erst der in Industrialisierung der Weimarer Republik wo Menschen ohne Arbeit als wertlos galten. Ganz besonders in großen Städten in denen sie sogar als verdarb angesehen wurden.

Schaue ich auf die heutigen 2 Stunden mit Uwe zurück freue ich mich sehr, dass mich das Thema der Erlebnisreihe 2014 gefunden hat. Schöner Wohnen wo keiner gerne hinschauen möchte hat soviele Fassetten und Blickrichtungen. Ich merke deutlich, jeder findet seinen Weg. Und da gibt es kein Scheitern. Auch keine Sackgassen. Manchmal sind es Umwege, die wie bei Uwe vielleicht zu seiner Traumerfüllung geführt haben. Uwe lebt heute frei wie er es schon als 5jähriger wollte. Er hat jetzt wieder eine Wohnung. Seine alten vertrauten Plätze hat er durch seine Touren immer noch dabei und schenkt sie allen, die „seine Kunst auf der Straße zu leben“ erleben möchten. Danke dafür Uwe.

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