Existenzminimum

Ich starte diesen Beitrag mit einem Zitat aus einer Sendung des Deutschlandfunk im Coronajahr zum Thema Was der Mensch zum Leben braucht vom 26.10.2020:

Ein Dach überm Kopf, Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung: Diese Dinge gehören zweifellos zum Existenzminimum. Über alles andere wird heftig gestritten.

Diesem Gedanken will ich folgen und die Richtung erweitern um die Frage, wie viel mit wenig geht für den Menschen in einem Wohlstandsstaat wie Deutschland. Und das betrachte ich, statt nur wissenschaftlich, auch ganz persönlich!

Grundgesetz, Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Wir alle kennen diesen Artikel. Und er ist wichtig und zentral. Jeder Mensch ist wertvoll. Artikel 1 schützt den Menschen in seiner Würde. Würde bedeutet: Alle Menschen haben einen Wert. Der Artikel spricht damit von Respekt und Anerkennung im Umgang miteinander.

Mir fällt dazu passend mein Vater und eine Episode aus seinem Arbeitsleben ein. Mein Vater ist Jahrgang 32 und vertritt die Werte der deutschen Leistungsgesellschaft.

Mit Rückblick auf seine Berufslaufbahn erzählte mir mein Vater, wie er seinen Chef als junger Verkäufer in den 50er Jahren um seine erste Gehaltserhöhung bat. Die Antwort des Chefs: “Ach, kommen sie mit ihrem Gehalt nicht aus?”

Ein spannender Dialog finde ich – besonders heute im 21. Jahrhundert, wo sich die Werte verändert haben. Und damit auch der Wert von Gehaltshöhe als Ausdruck von Wertschätzung. Doch das, was vor 70 Jahren noch galt, hat sich in Zeiten von hohen Sozialabgaben und dem gestiegenen Wert von Work-Life-Balance über alle Gehaltsschichten verändert. In den 50er Jahren war noch Wirtschaftswachstum und Wohlstand “garantiert”. In der postmaterialistischen WWW-Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts reagiert der Konsum den Wohlstand von Unternehmen und Staat, was die Coronakrise einmal mehr zeigt. Und deshalb verwundert es nicht, dass heute, 2020, jeder zehnte Deutsche seine finanziellen Verbindlichkeiten nicht mehr bezahlen kann und meist noch unterhalb des Existenzminimum lebt. Verschuldung ist zum Massenphänomen geworden.

Aus diesem Grund machen aus meiner Sicht die 24 Empfehlungen des Handwerksblatts Mehr Netto vom Brutto als Ausdruck von Wertschätzung und Würde mehr Sinn – denn diese sind nicht monetäre “Gehaltserhöhungen”. Und damit überwiegend nicht nur steuer-, sondern auch pfändungssicher. Als Beispiel führe ich hier an: In Deutschland gilt das Auto als das liebste Kind der Menschen – doch das kann gepfändet werden im Fall der Fälle. Ein Jobticket vom Chef dagegen nicht.

Mein Kommentar dazu als Nachhaltigkeitsexpertin:
Grüner Daumen hoch, denn auf diesen Wegen sparst du monatliche Fix-Kosten und für deinen CO2-Footprint und ökologischen Rucksack tust du auch etwas!

Materielle und immaterielle Grundbedürfnisse

Gerade frage ich mich, wie ich mir anmaßen kann, meinen Artikel zum Existenzminimum auch noch unter dem Motto „Erlebe selbst, wie viel mit wenig geht!“ zu schreiben.

Während ich noch darüber nachdachte, fand mich am 4. Advent die kleine persönliche Story von Michael Geerdts mit 9 Fragen für ein besseres 2021. Geerdts Text stellt vor dem Hintergrund des Coronajahr die Frage nach den materiellen und immateriellen Grundbedürfnissen oder danach, ob denn 2020 wirklich alles schlecht war. Das verneint Michael nach dem Zusammentreffen mit einem Obdachlosen, der „nur“ nach Kleingeld fragt und letztlich von ihm zu Kaffee und Gespräch eingeladen wird.

Das führt Michael Geerdts zu der Schlussfolgerung: „Mein erster Gedanke, 2020 war doch nicht so schlecht. Klar, Corona nervt, beruflich hat sich einiges geändert und reisen wäre auch mal wieder schön. Aber ansonsten… gesund, Dach über dem Kopf und den Kühlschrank voll.“

Selbst kann ich zum Thema Obdach auch (m)eine kleine Geschichte erzählen: seit nun mehr als 10 Jahren lebe ich meinen grünen Weg des Wohnen in meiner 110 qm Wohnung mit zwei Untermietern. Das ist Mehrwert für alle: wir teilen die fast 1000 EUR für Miete und Infrastruktur durch drei. DAS ist für jeden von uns ein „Miet-Schnäppchen“ in einer Metropole wie Berlin. Jeder hat sein eigenes Reich, aber immer auch die Möglichkeit, sozialen Kontakt zu bekommen.

Mein Kommentar dazu als Nachhaltigkeitsexpertin:
Diese geteilte Lebensform spiegelt für mich mein Motto „viel mit wenig er-leben“
wider und entspricht meinem Verständnis vom Erfüllen materieller und immaterieller Grundbedürfnisse als Existenzminimum.

REUSE: Ihr werdet (wieder) gebraucht

Als nachhaltige Empfehlung füge ich den Handwerksblatt-Tipps Grün ist die Rettung hinzu Alle Tipps im Beitrag sind ebenfalls überwiegend nicht nur steuer-, sondern auch pfändungsfrei.

Grundsätzlich ist der REUSE-Markt als Beschaffungsquelle wertvoll für die Kreislaufwirtschaft bei Einrichtung, Kleidung, Freizeitausstattung, Beleuchtung, Haushaltsgeräten, IT- und Elektrotechnik. Statt Rabattschlachten, gibt es dort Wiedernutzung der Waren ohne Neuproduktion. Das ist ein unschlagbarer Preisvorteil gegenüber dem Neumarkt. Durch diesen bewussten Konsum werden ganz im Sinne der Kampagne Nein zur Wegwerfgesellschaft. Weniger ist mehr die jährlich über 350 Millionen Tonnen Abfall in Deutschland ressourcenschonend und sparsam wieder „gebraucht.“

Mein Kommentar dazu als Nachhaltigkeitsexpertin:
Meine Tante, Jahrgang 47, würde zu meinen streitbaren Gedanken hier vermulich sagen:  „Christine, dass kannst du doch nicht sagen. Was sollen denn die Leute denken!“ Und ich tue es doch. Ich vertrete die selbst gelebteThese, dass ein Mensch mit einem Einkommen, das der Armutsgrenze (1174 EUR) entspricht und freigestellt ist von der Einkommensteuer und pfändungsfrei (1.178,59 EUR), in Deutschland mit einer nachhaltigen Lebensweise ein gutes Leben mit Obdach, Nahrung, Kleidung, und medizinischer Versorgung führen kann!

Ich freue mich auf eure Kommentare und Sichtweisen zu meiner These,

Unterschrift Christine Müller