Öffentliches Image der „Secondhand-Branche“ als Arbeits- und Gründungsmarkt.

Die Secondhand-Branche bewegt sich wie alle klassischen alternativen Gründungen, noch als Zweitmarkt im Grenzbereich von Karitativem und Abfallwirtschaft.

Das öffentliche Image des Secondhand-Arbeitsmarkt-Marktes ist wie die alternativen Branchen auch, geprägt von Sozialkaufhäusern, Recyclingwerkstätten für Elektronik, Bekleidung, Möbel, etc. und von Einrichtungen für Bedürftige wie „Die Tafel“, Beschäftigungsinitiativen für Ein-Euro-Jobber zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt usw.

In dieser Form hat noch 2007 das bayrische Landesamt für Umwelt auf einer Fachtagung den aktuellen Branchenstand beschrieben.

„Doch es gibt bereits Ansätze, dass auch auf dem Arbeitsmarkt der Secondhand Branchen die Regeln des klassischen ersten Arbeitsmarktes gelten.“

Gründen in (noch) unbekannten Märkten braucht Mut und Kreativität

Meine Beispielgründerin ist Jessica Thijs für diesen Blogbeitrag mit ihrem nachhaltigen unverpackt Laden auf vier Rädern. Sie hat selbst erlebt, dass der Start in die Selbstständigkeit als Mutter und mit einem „anderen“ Geschäftskonzept und auf dem Land, in der Eifel alles andere als leicht war.

„Die Banken hier waren mit dem Thema überfordert und zudem ich bin eine Frau und habe zwei Kinder. Das war leider echt ein Problem, weil sie gemeint haben, dass ich ein Risikofaktor Nummer eins wäre.“

Ein guter Freund hat ihr ein Startkapital geliehen und als sie dann mehrere Auszeichnungen, wie den Trierer Startup-Preis, abgeräumt hat, lief es auch mit der Bankfinanzierung. Mittlerweile läuft es so gut, dass Jessica gerne einen zweiten Unverpackt-Truck eröffnen möchte. Wen sie einstellen würde, weiß sie auch schon:

„Ich würde gerne nur Mamas einstellen, weil wir so ein bisschen benachteiligt werden in unserer Gesellschaft – also so ein richtiger Frauenbetrieb.“

Gründung in der Secondhand-Branche

Macht es nun Sinn, in der Secondhand-Branche zu gründen? Aber sicher! Das Beispiel der Gründerin Jessica Thijs zeigt, es ist zwar (noch) holprig im Vergleich zum klassischen Erstmarkt mit seinen bekannten Geschäftsmodellen, aber nicht minder profital und erfolgreich. Vielmehr wird auch der „Gebrauchthandel“ wie die alternativen Gründungsbranchen, immer mehr als einträgliches Geschäftsmodell aufgegriffen. Das bedeutet, dass die Branche(n) als solche wahrgenommen werden und es einen Markt mit Angebot und Nachfrage gibt.

Dennoch gibt es bisher aus den bereits in den vorherigen Beiträgen genannten Gründen keine Gründungsleitfäden speziell für die Secondhand-Branche. Man orientiert sich immer noch an Gründern aus dem Firsthand-Handel.

  • Einerseits ist das zwar nachvollziehbar.
  • Andererseits gibt es aber doch viele spezifische Unterschiede.

Genannt seien hier als zentrale Unterschiede – besonders für Gründer – zum Erstmarkt: Preispolitik, Sortiment, Beschaffung, Entsorgung, Marketing.

Besonderheiten des Secondhand-Marktes:
Die Preispolitik

Nehmen wir mal an, du möchtest einen Handel mit Ladengeschäft für gebrauchte Büromöbel eröffnen. Da der Erfolg in der Geschäftswelt zentral am Preis bemessen wird, stelle ich diesen in den Mittelpunkt meines Beispiels.

Preisbildung in der Neuwaren-Branche:
klassisches betriebswirtschaftliches Vorgehen

Einkaufspreis + Fixkosten + Handelspanne = Verkaufspreis.

Der Neumarkt unterliegt keinem Beschaffungsengpass, der Gebrauchtmarkt schon. Im Gebrauchtmarkt bestimmt die Beschaffungssituation das Warenangebot. Warum? Das zeige ich dir hier.

Preisbildung in der Secondwaren-Branche:
flexibles Reagieren auf ständige (Ver-)Änderungen

  • Preisfindung: die Preisfindung erfolgt durch Marktbeobachtung (siehe bspw. terapeak.de für Ebay-Preisanalysen).
  • Neumarktbeobachtung: Man muss die aktuellen Vergleichspreise für die eigenen Produkte kennen.
  • Trendbeobachtung und Markenimage: Welche Möbel sind gefragt und welche sind derzeit knapper und deshalb teurer?
  • Gute Produktkenntnisse: Herstellungsinformationen, Verwendung, Montage, Kombination des Artikels etc.
  • Warenpräsentation:  Die Preisakzeptanz beim Kunden wird durch die Lage im Regal beeinflusst – unten ist günstig, oben ist hochpreisig; Lager ist billig, Boutique ist teuer.
  • Gestaltung der Preisschilder: handschriftlich heißt billig oder auch individuell, je nach Verkaufsambiente; Sonderaktionspreise auf orangem oder gelben Hintergrund; etc.
  • Image des Geschäftes und Kundenstruktur: die Lage in einem sozialen Brennpunkt braucht günstige Preise und Massenabsatzprodukte (günstige Schreibtische, Schränke, Stühle, etc.) und eine Kundenstruktur aus Familien mit Kindern braucht ein breites Angebot rund um Familien (Kinderschreibtische, Kinderbürostühle, Home-Office-Möbel, etc.)

Was müssen Gründer im Secondhand-Markt besonders beachten?

Gründer sollten genau wie im Firsthand-Markt eine genaue Standortanalyse mit allen Eckdaten machen. Sie sollten die Besonderheiten des Gebrauchtmarktes in den Bereichen Beschaffung, Preispolitik und Marketing berücksichtigen.

Secondhand kennt keinen Müll, nur Recycling

Gründer sollten wissen, dass ein nachhaltiger Gebrauchthändler den Bereich „Entsorgung“ nicht als Müll betrachtet. Entsorgung ist hier vielmehr Recycling mit Weiterverwendung durch Umnutzung
(Winkelschreibtisch wird Schulungstisch), Wiederverwertung (Aufarbeitung durch Neupolstern und Beziehen), Weiterverwertung (Materialrecycling oder ReDesign).

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass der Secondhand-Verband eine sogenannte ‚Handreichung zur Überprüfung Ihres individuellen Betriebskonzeptes von A-Z‘ bereithält. Zusätzlich bietet der Verband auch Verweise auf Fördermöglichkeiten und Hilfestellungen durch die Verbandsmitgliedschaft an.

Secondhand als Ausbildungsmarkt

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle ganz erfreut von den Erfolgen berichten bei der Etablierung eines IHK-Abschlusses für Einzelhandelskaufleuten in der Gebrauchtgüterbranche im Rahmen des EQUAL Projekt zur Professionalisierung der Secondhand-Branche. Doch: Zwar gibt es Auszubildende in den Betrieben der Secondhand-Branche, doch das sind ganz klassische Einzelhandelskaufleute, Bürokaufleute, Industriekaufleuchte, etc. ohne spezifischen Ausweis auf dem Abschlusszeugnis „Gebrauchtgüterbranche“. Das ist schade. Denn ein Ausbildungs-Curriculum dafür ist bereit entstanden.

Grundsätzlich kann man sagen, dass Auszubildende in der Gebrauchtgüterbranche quasi Allrounder sind: Lagerlogistik, Transportwesen, Reparatur, Montage in dem Fachrichtungs-Mix aus  Möbel, Hausrat, Textilien, Elektroartikel und Maschinen sind je nach Betriebsart indirekt immer auch Teil ihrer Ausbildung. Diese Flexibilität wird gerade heute auf dem Arbeitsmarkt neben Fachwissen immer wichtiger. Ansprechpartner und Förderer der Ausbildung in der Gebrauchtgüterbranche ist auch der Secondhand Verband.

Ergänzung Mai 2020: Gerade in Bezug auf den Grundlagenteil meines E-Books habe ich mich entschieden, die neueren Beiträge ‚Noch Tomaten auf den Augen – oder schon das neue Gold im Blick‘ und ‚Der grüne Sparbaum‘ zu ergänzen. Beide zeigen, der Gebrauchtmarkt ist in Bewegung. Das merkst du, wenn du die neuen Bezeichnungen in Google bei der Suche eingibst. Bei recommerce, rebuy, resuse, recycling, Kreislaufwirtschaft, zero waste, … kommen unvergleichbar mehr Nennungen. Ergänzend hat sich der Gebrauchtwaren-Markt quasi durchs Internet in unsere Wohnzimmer und Unternehmen „geschoben“.

Deshalb stelle ich die These auf, dass es jetzt, besonders durch die Coronakrise und der Notwendigkeit, neue Beschäftigungsfelder zu etablieren, nicht mehr lange dauert, bis der Ausbildungsberuf Einzelhandelskauffrau-/mann in der Gebrauchtgüterbranche etabliert ist. Die Ausbildungsordnung liegt ja quasi schon vor.

Nächster Termin:

online Gründerworkshop für Wiederstarteronline Gründerworkshop – Für Wiedereinsteiger und Rückkehrer
Kursnummer: Pa5806F
Sa. 17.06.2021,09:30 – 15:30
So. 18.06.2021, 09:30 – 15:30
VHS Pankow online und Lernplattform vhs.cloud